Eine Notation ist die Sprache, in der sich Fachbereich und IT über Prozesse verständigen können. Die Object Management Group unterhält drei davon. Sie konkurrieren nicht — sie beantworten verschiedene Fragen.
| Notation | Leitfrage | Passt für |
|---|---|---|
| BPMN | In welcher Reihenfolge geschieht was? | Vorgegebene Abläufe mit Kontrollfluss |
| CMMN | Was darf in dieser Lage geschehen? | Fallarbeit, Wissensarbeit, wenig vorhersehbare Vorgänge |
| DMN | Nach welcher Regel wird entschieden? | Entscheidungslogik, Tabellen, Regelwerke |
BPMN — der vorgegebene Ablauf
BPMN beschreibt einen Kontrollfluss: Nach dieser Aktivität folgt jene, unter dieser Bedingung geht es hier entlang. Das passt überall dort, wo der Ablauf im Voraus bekannt ist und wiederholt gleich abläuft — Antragsprüfung, Bestellabwicklung, Freigabeverfahren.
Der Standard ist seit 2011 unverändert in Version 2.0 und zusätzlich als ISO/IEC 19510 normiert. Genau diese Stabilität macht ihn wertvoll: Ein Modell, das heute entsteht, ist in fünf Jahren noch lesbar — von Menschen und von Werkzeugen, auch von solchen, die es damals noch nicht gab.
CMMN — der mögliche Handlungsraum
Wissensarbeit lässt sich nicht in ein Fliessband pressen. Ein Sachbearbeiter, der einen komplexen Fall bearbeitet, entscheidet aufgrund seiner Erfahrung, was als Nächstes sinnvoll ist. CMMN modelliert deshalb nicht die Reihenfolge, sondern den Raum: Welche Aufgaben stehen zur Verfügung, welche werden unter welchen Bedingungen verfügbar, was ist verpflichtend.
Wer solche Vorgänge in BPMN presst, erzeugt Diagramme mit Dutzenden Verzweigungen, die niemand mehr liest — und die die Realität trotzdem nicht treffen.
DMN — die Entscheidung selbst
Der häufigste Fehler in Prozessmodellen ist Entscheidungslogik, die als Gateway-Wildwuchs im Diagramm landet. Ob ein Antrag genehmigt wird, hängt an Betrag, Bonität, Kundenhistorie und Produktart — vier Faktoren, die als verschachtelte Verzweigungen ein unlesbares Modell ergeben und bei jeder Regeländerung neu gezeichnet werden müssen.
DMN trennt beides: Der Prozess enthält eine Aufgabe „Antrag bewerten“, die Regeln stehen daneben in einer Entscheidungstabelle. Das Diagramm bleibt lesbar, und die Fachabteilung kann die Tabelle pflegen, ohne den Prozess anzufassen.
Die Faustregel: Sobald ein Gateway mehr als zwei oder drei Faktoren abwägt, gehört die Logik in eine Entscheidungstabelle — nicht ins Prozessdiagramm.
Warum ein Standard und nicht das Bordmittel des Werkzeugs
Jede Plattform bringt ihre eigene Prozessdarstellung mit. Sie ist bequem, solange man in dieser Plattform bleibt — und wertlos, sobald man sie verlässt. Ein offenes Format überlebt den Anbieterwechsel, lässt sich maschinell prüfen und gegen eine verbindliche Spezifikation validieren.
Dass generative KI Modelle erzeugen kann, ändert daran nichts — im Gegenteil. Ein Sprachmodell rät, ein Schema entscheidet. Erst die Prüfbarkeit gegen einen formalen Standard macht aus einem kreativen Vorschlag ein belastbares Ergebnis.
Was MESTRO heute beherrscht
BPMN und CMMN sind vollständig unterstützt — beide werden erzeugt, bearbeitet und validiert, und MESTRO leitet aus dem Charakter des Ablaufs ab, welche Notation passt, statt die Wahl dem Anwender aufzubürden.
DMN gehört zu unserer Methodenkompetenz, aber noch nicht zum Funktionsumfang von MESTRO. Wir sagen das lieber deutlich, als es offenzulassen: In Schulung und Beratung arbeiten wir mit DMN, im Werkzeug ist es für eine spätere Ausbaustufe vorgesehen.
Der Standard allein genügt nicht
Eine Notation zu beherrschen heisst noch nicht, verständlich zu modellieren. Dieselbe Sache lässt sich auf ein Dutzend Arten ausdrücken, und alle sind formal korrekt.