Es ist eine berechtigte, unbequeme Frage, und sie wird in Entscheider-Runden zunehmend gestellt. Zwei Entwicklungen scheinen den Boden unter den offenen Prozess-Standards wegzuziehen. Die erste ist generative KI: Man beschreibt einen Ablauf in einem Satz und bekommt ein lauffähiges Ergebnis — wozu dann noch die Zeremonie eines standardisierten Diagramms? Die zweite ist Low-Code/No-Code: Fachanwender klicken sich ihren Prozess in einer Plattform zusammen, ohne je das Wort „BPMN“ gehört zu haben.
Wenn die Maschine den Prozess baut und die Plattform ihn ausführt — wer braucht dann noch eine ISO-normierte Notation? Nehmen wir die Frage ernst. Denn nur wer das Gegenargument in seiner stärksten Form gelten lässt, kann sie ehrlich beantworten.
Das Argument der Abschaffer — in seiner besten Form
Verkürzt man es nicht, klingt der Fall gegen die Standards durchaus überzeugend:
„Der Prompt ist das neue Modell.“ Wenn ein Sprachmodell aus einer natürlichsprachlichen Beschreibung direkt ausführbare Logik erzeugt, ist das Diagramm nur noch ein Zwischenartefakt — eines, das die KI überspringen könnte. Der Mensch beschreibt die Absicht, die Maschine erledigt den Rest. Die formale Notation wird zur Fussnote.
„Die Plattform ist die Wahrheit.“ Low-Code-Plattformen versprechen genau das: Geschäftslogik ohne Modellierungsdiplom. Was zählt, ist die laufende Anwendung in der Plattform — nicht ein Austauschformat, das ohnehin niemand ausserhalb liest. Ein Standard, der die Portabilität zwischen Werkzeugen sichert, löst ein Problem, das man gar nicht mehr hat, wenn man sich für eine Plattform entschieden hat.
„Standards sind Ballast.“ Offene Standards entstehen in Gremien, brauchen Jahre, tragen historischen Ballast mit sich. Die BPMN-2.0-Spezifikation umfasst mehrere hundert Seiten. Das ist das Gegenteil von Agilität — so das Argument. Geschwindigkeit schlägt Formalismus.
Diese drei Punkte sind nicht dumm. Sie treffen einen wahren Kern: Die manuelle, mühsame Art, Prozessmodelle zu erstellen, ist tatsächlich ein Auslaufmodell. Aber genau hier lohnt es, zwei Dinge auseinanderzuhalten, die das Argument stillschweigend vermengt.
Der Denkfehler: Herstellungskosten sind nicht dasselbe wie Wert
Die Argumente oben richten sich fast alle gegen die Herstellungskosten eines Standardmodells — gegen das langsame, disziplinierte Von-Hand-Zeichnen. KI und Low-Code senken diese Kosten drastisch, und das ist gut so. Aber daraus folgt nicht, dass der Wert des Artefakts verschwindet. Ein standardisiertes Prozessmodell leistet Dinge, die von der Art seiner Entstehung völlig unabhängig sind:
Interoperabilität und Unabhängigkeit vom Anbieter. BPMN 2.0 ist nicht bloss eine Konvention, sondern ein OMG-Standard und als ISO/IEC 19510 international normiert; für Fallarbeit existiert mit CMMN 1.1 ein Gegenstück. Ein Modell in einem offenen, standardisierten XML gehört seinem Eigentümer — nicht der Plattform. Es lässt sich in ein anderes Werkzeug übernehmen, versionieren, extern prüfen. Ein proprietäres Low-Code-Artefakt hingegen lebt und stirbt mit seiner Plattform. Branchenanalysten wie Gartner warnen seit Jahren vor genau diesem Lock-in-Risiko von Low-Code-Ökosystemen. Ein Standard ist die Versicherung gegen den Tag, an dem der Anbieter die Preise verdoppelt, das Produkt einstellt oder übernommen wird.
Langlebigkeit. Prozesse überleben Werkzeuge. Ein Kernprozess kann zwanzig Jahre laufen; kaum eine Softwareplattform tut das. Wer die Prozesslogik nur in einem proprietären Format hält, koppelt die Lebensdauer seines Geschäfts an die Lebensdauer eines Produkts.
Nachvollziehbarkeit und Governance. Auditoren, Regulatoren und bereichsübergreifende Teams brauchen ein inspizierbares Artefakt, kein Blackbox-Verhalten. Regelwerke wie die EU-KI-Verordnung verlangen für risikoreiche Systeme ausdrücklich menschliche Aufsicht und Transparenz — beides setzt voraus, dass sich nachvollziehen lässt, was ein Prozess tut. Ein standardisiertes, menschenlesbares Modell ist dafür das natürliche Medium. Eine No-Code-Blackbox, die nur ihre eigene Plattform versteht, ist es nicht.
Gemeinsame Sprache. Der eigentliche Wert von BPMN liegt, wie Bruce Silver betont, darin, ein Verständigungsmittel zwischen Fachbereich und IT zu sein. Genau diese geteilte Sprache kann eine Plattform, die nur intern „versteht“, nicht ersetzen — sie verlagert das Wissen in ein Werkzeug, statt es zwischen Menschen zu teilen.
KI macht Standards nicht überflüssig — sie macht sie wertvoller
Der interessanteste Punkt ist ein umgekehrter. Generative KI ist mächtig, aber nicht-deterministisch und anfällig für Halluzinationen. Sie produziert Plausibles, nicht garantiert Korrektes. Was zähmt dieses Risiko? Eine formale Struktur, gegen die sich der Output prüfen lässt.
Ein Standardschema ist damit nicht das Opfer der KI, sondern ihre wichtigste Leitplanke: Es definiert, was ein gültiges Modell überhaupt ist, und macht maschinell entscheidbar, ob die KI etwas Sinnvolles produziert hat. Ohne ein solches Zielformat ist KI-Output ein hübscher Vorschlag ohne Prüfmöglichkeit. Mit ihm wird er zu einem verifizierbaren Artefakt. Anders gesagt: Je mehr eine Maschine schreibt, desto wichtiger wird ein präziser, überprüfbarer Vertrag darüber, was „richtig“ heisst. Der Standard ist dieser Vertrag.
Damit kippt die Ausgangsfrage. Nicht: „Macht KI die Standards überflüssig?“ Sondern: „Wäre KI ohne Standards überhaupt verantwortbar?“
Der falsche Gegensatz — und wie man ihn auflöst
Hinter „Standards sind obsolet“ steckt fast immer die Erfahrung, dass standardkonformes Modellieren langsam war. Doch das war eine Eigenschaft der Methode der Herstellung, nicht des Standards. KI und Low-Code greifen genau diese Herstellungskosten an — nicht den Wert des Ergebnisses. Der vermeintliche Gegensatz „Standard oder Geschwindigkeit“ ist ein Scheingegensatz.
Genau das lässt sich heute demonstrieren. Ein Werkzeug wie MESTRO ist AI-nativ und Low-Code-schnell — und erzeugt trotzdem standardkonformes BPMN 2.0 bzw. CMMN 1.1, kein proprietäres Format. Die KI entwirft, der Mensch gibt frei (nichts wird still überschrieben; siehe „Die KI schlägt vor. Du entscheidest.“), und das Ergebnis ist ein portables, prüfbares, anbieterneutrales Modell, das zugleich ausführbar ist. Damit MESTRO überhaupt sinnvolle Modelle vorschlägt, prüft es jeden KI-Vorschlag gegen das BPMN-Schema — der Standard ist hier nicht Bremsklotz, sondern das, was die Geschwindigkeit sicher macht. Und der strukturelle Überbau aus der Analyse-Phase — End-to-End-Prozesse mit fünf bis zehn Hauptaktivitäten — sorgt dafür, dass die Modelle von Anfang an den richtigen Zuschnitt haben.
Die Lehre daraus ist allgemein, nicht produktgebunden: Man muss den Standard nicht gegen Tempo eintauschen. Der Standard ist die Bedingung dafür, dass Tempo nicht in Lock-in und Unprüfbarkeit endet.
Meine Antwort
Da die Frage direkt gestellt wurde, hier direkt meine Sicht:
Nein — KI und Low-Code machen offene Standards nicht obsolet. Sie machen sie wichtiger, verändern aber, wer sie schreibt und wie schnell.
Was sich ändert, ist die Rolle des Standards. Vom mühsam von Hand erstellten Dokument wird er zu einer maschinell erzeugten, menschlich freigegebenen, verifizierbaren Schnittstelle. Die KI übernimmt das Entwerfen, der Mensch das Kuratieren und Verantworten, der Standard das Garantieren von Portabilität, Prüfbarkeit und Langlebigkeit. Die Verlierer dieser Entwicklung sind nicht die offenen Notationen, sondern das Von-Hand-Zeichnen und der proprietäre Lock-in. Die Gewinner sind offene Standards — verwendet als Leitplanke für die KI und als anbieterneutrale Austauschschicht.
Und weil eine ehrliche Antwort ihre eigene Grenze nennt: Es gibt sehr wohl ein Obsoleszenz-Risiko — aber es geht nicht von der KI aus, sondern von Stillstand. Ein Standard, der sich nicht modernisiert (schnellere Iteration, bessere Werkzeugunterstützung, KI-freundliche Serialisierung), kann zur blossen Zeremonie verkommen. Die richtige Losung heisst deshalb nicht „KI gegen Standards“, sondern „KI mit Standards“ — und die Verantwortung der Standard-Community ist, diese Ehe attraktiv zu halten.
Fazit
Die provokante Frage verwechselt die Kosten der Herstellung mit dem Wert des Ergebnisses. KI und Low-Code senken die Ersteren radikal — und lassen den Letzteren unangetastet oder steigern ihn sogar: Interoperabilität, Unabhängigkeit, Nachvollziehbarkeit und eine gemeinsame Sprache bleiben gefragt, in einer Welt automatisch erzeugter Prozesse mehr denn je. Wer heute Prozesse mit KI-Tempo baut und sie trotzdem in offenen Standards ablegt, bekommt beides: die Geschwindigkeit von morgen und die Anschlussfähigkeit von übermorgen. Das ist keine Kompromisslösung. Das ist die einzige, die auf Dauer trägt.
Quellen & Weiterlesen
- Object Management Group: Business Process Model and Notation (BPMN) Version 2.0.2, 2013. https://www.omg.org/spec/BPMN/2.0.2/
- ISO/IEC 19510:2013. https://www.iso.org/standard/62652.html
- Object Management Group: Case Management Model and Notation (CMMN) Version 1.1, 2016. https://www.omg.org/spec/CMMN/1.1/
- B. Silver: BPMN Method and Style, 2. Auflage, Cody-Cassidy Press, 2011. https://methodandstyle.com/
- B. Silver / S. Fischli: BPMN Methode & Stil, Zweite Auflage — deutschsprachige Ausgabe mit Handbuch zur Prozessautomatisierung, Cody-Cassidy Press. Zur deutschen Ausgabe
- Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung / AI Act), insb. Art. 14 „Menschliche Aufsicht“. https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1689/oj
- M. Dumas, M. La Rosa, J. Mendling, H. A. Reijers: Fundamentals of Business Process Management, 2. Auflage, Springer, 2018.